Das Versicherungsgeschäft mit den Schülern

Lehrer in Baden-Württemberg verteilen jedes Jahr Angebote für Zusatzversicherungen an ihre Schüler – im Auftrag des Kultusministeriums. Verbraucherschützer sind alarmiert.

ARCHIV - Drei Schüler warten in Frankfurt am Main an einer Straße, auf der ein Auto vorbei fährt (Archivfoto).    (zu dpa «Gefährliche Schulwege: Fast 500 Unfälle in zwei Jahren» vom 112.08.2017) Foto: Arne Dedert/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

ARCHIV – Drei Schüler warten in Frankfurt am Main an einer Straße, auf der ein Auto vorbei fährt (Archivfoto). (zu dpa «Gefährliche Schulwege: Fast 500 Unfälle in zwei Jahren» vom 112.08.2017) Foto: Arne Dedert/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

„Den musst du ausfüllen, Mama.“ Mit diesen Worten legten die beiden Söhne von Juliane S. ihr jeweils einen hellgrünen Zettel hin. Sie kannte das schon. Am ersten Schultag nach den Ferien bringen die beiden, zehn und elf Jahre alt, immer diverse Schreiben der Schule nach Hause. Und einer ist immer hellgrün. Es ist ein „Versicherungsausweis für die Schüler-Versicherungen“.

Zu Schuljahresbeginn werden in Baden-Württemberg an staatlichen und privaten Schulen von den Klassenlehrern Versicherungspolicen an die Schüler verteilt. Im württembergischen Teil des Bundeslandes die der Württembergischen Gemeinde-Versicherung AG (WGV) und im badischen Teil des Landes die des Badischen Gemeinde-Versicherungs-Verbandes (BGV). Die einen sind hellgrün, die anderen rosa.

Alle 1,5 Millionen Schüler bekommen eine Police ausgehändigt, verbunden mit der Bitte des Lehrers, den Vertrag inklusive der fälligen Rate wieder abzugeben. Die Versicherung kostet nicht viel, nur einen Euro pro Schuljahr. „Da hinterfragst du das gar nicht“, sagt die 44-Jährige.

Wie der Mutter aus Esslingen geht es Hunderttausenden Eltern in Baden-Württemberg. Sie unterschreiben, geben ihren Kindern den Euro mit und vergessen die Angelegenheit wieder. Manche füllen auch eine der Zusatzversicherungen aus für Garderobe (ein Euro), Fahrrad (sechs Euro), Musikinstrumente (sechs Euro) und für Internatsschüler (sechs bis sieben Euro). Inbegriffen sind neben einer Haftpflicht-, auch eine Unfall- und Sachschadensversicherung.

In der Regel zahlt die gesetzliche Versicherung

Dabei ist eine Schülerzusatzversicherung nach Ansichten von Branchenkennern kaum notwendig. Alle 1,5 Millionen Schüler an den 4062 allgemeinbildenden und den 784 beruflichen Schulen zwischen Konstanz und Mannheim sind per Gesetz ohnehin unfallversichert. Und die meisten Familien haben auch schon Haftpflichtversicherungen.

Der Versicherungsschutz der gesetzlichen Unfallversicherung erstreckt sich nicht nur auf die Unterrichtszeit selbst; auch während der Pausen und auf dem Schulweg sind Kinder gesetzlich unfallversichert. Bei den 167.885 Unfällen in der Schule und den 15.753 Unfällen, die 2016 in Baden-Württemberg auf dem Schulweg passierten, sei in aller Regel die gesetzliche Unfallversicherung eingetreten, heißt es von der Unfallkasse Baden-Württemberg. „Leider weiß das kaum jemand“, sagt ein Sprecher. „Die Eltern denken immer, dafür sind die WGV oder BGV zuständig. Die kennen sie, weil sie dort einen Euro einzahlen müssen.“

Peter Breun-Georke, Syndikus der Wettbewerbszentrale in Bad Homburg, findet es „merkwürdig“, dass Versicherungen an Schulen vertrieben werden. „Bei 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen als potentielle Versicherungsnehmer kann man nicht von Geringfügigkeit sprechen“, argumentiert der Rechtsanwalt. Die Schule sollte seiner Ansicht nach ein geschützter und werbefreier Ort sein: „Dort sollten keine solchen Geschäfte stattfinden.“

Quelle: Spiegel, 16.01.2018

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